Wellen kräuseln sich leicht, am anderen Ende des Fjords erheben sich mächtige Gebirgszüge, doch an einer Stelle kann sie ins Unendliche schauen. Das Meer. Lilia löst die Uhr von ihrem Handgelenk und legt sie neben sich, denn sie hat Angst davor zu erfahren wie spät es ist. Die Zeit vergeht ihr zu schnell, aber das kann die Zeit nicht wissen. Lilia will nicht erfahren, wie lange sie hier wohl schon sitzt und die Zehen im Wasser spielen lässt. Sie wünscht sich einfach alle Uhren auf dieser Welt mit einem Mal abschalten zu können, einfach so. Alles würde still stehen, denkt sie. Niemand würde fragen, wo sie so lange gewesen wäre, geschweige denn, was sie gemacht hätte.
Sie blickt weiter hinaus aufs Meer und doch, stünde jemand neben ihr, so wüsste er, dass sie nicht das Meer sieht, sondern etwas, dass nur sie sehen kann. Lilia schaut zu, wie die Sonne versinkt. So viel Wärme strahlt die Sonne sonst aus und doch fröstelt es Lilia, aber lieber würde sie auf diesem Felsen erfrieren, als dass sie zurück zu ihnen ginge. Ihren Kopf auf die kalten Hände stützend überlegt sie, was wohl passieren wird. Zu oft hat sie es von ihr gehört und keiner von den anderen hat etwas gesagt. Es hallt in Lilias Kopf wider: „Du bist nicht meine Tochter. Ich habe dich nicht zu dem erzogen, was du jetzt bist, du Egoistin.“ Oft hat sie es gehört. Anfangs flossen unzählige Tränen über ihre Wangen, doch je öfter es in ihren Ohren dröhnte, starrte sie an die Wand und lauschte dem Meer. Wenn sie es gar nicht aushielt, ging sie einfach. Eine feste Mauer hat sich um Lilia aufgebaut, unzerbrechlich wie ein Lachen. Denn das Lächeln hat sie verlernt.
Der Feuerball ist schon fast verschwunden. Ein letztes Mal möchte sie dem Meeresrauschen lauschen und Salzluft in sich aufsaugen. Danach erhebt sie sich, lächelt schüchtern und fliegt als Vogel ins Unendliche.
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